Lao-Tse: „Wahrlich, wir sind eins.“

„Wie dem Prinzen Gautama unterm Bodhi-Baum die Erleuchtung zuteil ward, die ihn zum Buddha, dem erwachten werden ließ, wie ein halbes Jahrtausend später Jesus nach der Taufe aus dem Wasser stieg und im Erleben des Kosmischen Bewusstseins zum Christus wurde, so erschloss sich Li-Örl das All – Eine, bis er „Lao-Tse“ („Der alte Weise“) wurde, der sich selber Weg und Ziel war. Wohin er schaute, sah er sich selbst. Er wusste um sein Einssein mit dem Leben in allen Wesen auf allen Welten. Er in allen. Eins war er mit allen und allem. Von überall her leuchtete ihm sein Selbst entgegen in allen Daseinsformen. In allen Wesen sah er sich selbst. Denn in ihm war Tao erwacht, das all gemeinsame Eine. „Wahrlich, wir sind eins.“

Die ursprüngliche Bedeutung des Schriftzeichens Tao ist „Weg“, es kann aber auch „Lehre“ meinen. Schon früh wurde der Begriff im Sinne von menschlichem Verhalten und moralischen Regeln, vom „Weg des Menschen“ gebraucht.

Bei Lao-Tse wird dem Tao eine metaphysische Bedeutung verliehen: es ist dort das allumfassende Erste Prinzip, das allen Erscheinungen zugrunde liegt. Es ist eine Wirklichkeit, aus der das Universum entspringt und die Lao-Tse einfach Tao nennt:

„Da ist etwas, vollendet und verschwommen,

Das existierte schon vor Himmel und vor Erde.

Still, unsichtbar,

Unveränderlich als eines feststehend,

Unaufhörlich, immer kreisend,

Vermag es die Mutter der Welt zu sein.

Ich kenne seinen Namen nicht, benenne es mit Tao.“

Das Tao ist also namenlos und nicht benennbar. Dies ist eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften. Tao ist der Urquell allen Seins und ins Tao kehrt alles wieder zurück. Es ist das große Eine, indem alle Gegensätze aufgehoben sind. In der Welt zeigt sich das Tao durch seine „Kraft“ und seine „Tugend“ (Teh).

Dies ist was alle Dinge vom Tao erhalten und wodurch sie zu dem werden, was sie sind.

Die Einheit mit dem Tao zu verwirklichen, ist das Ziel aller Taoisten. Dies erfolgt durch intuitive Erkenntnis: „Vom Tao kann man durch keinen Gedanken und kein Nachsinnen etwas wissen. Man nähert sich ihm, indem man im Nichts ruht, indem man nichts nachgeht und nichts verfolgt.“ Das Tao wird durch Verweilen in Stille Wirklichkeit, die der wesentlichste Zugang zum Tao ist. Man findet zur Stille durch die Methode des Verlierens: „Nach Wissen zu suchen heißt, Tag für Tag dazu gewinnen. Das Tao suchen heißt, Tag für Tag verlieren.“ Stille ist das Zurückkehren zum Ursprung. Dann erstrahlt das himmlische Licht.

Lao-Tse war weder Philosoph noch Metaphysiker, weder theologischer Dogmatiker noch Religionsstifter, sondern ein Mystiker und Lebenslehrer – ein Führer zur Vollendung des Menschen. Man zählt ihn zu den großen Mystikern der Menschheit, die Hinweise zu unmittelbarem Erleben einer höheren Ebene der Wirklichkeit geben. Der Weise lebt in seiner Zeit und Welt, aber er wurzelt nicht in ihr, sondern im Ewigen.…

1 Kommentar

  1. Jochen

    17.12.2017 auf 17:27

    Die Verse von Laotse sind bekannt und wegführend. Nur: ob Laotse tatsächlich gelebt hat, wird von Wissenschaftlern bezweifelt. Es handelt sich wohl eher um eine fiktive Persönlichkeit, der die Verse des „Tao te king“ zugeschrieben werden. Wie dem auch sei: die Verse sind wunderbar und tröstend.

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